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Rinde und Moos – Orakel zum Roten Raben #27

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„Komme Morgen um die selbe Zeit wieder hier her zu dieser Parkbank. Dann erfährst du meine Antwort“, hatte sie zu dem Jüngling gesagt und ihm dabei lange in die Augen geblickt.

Er hatte sich gefreut, gelacht und dabei über das ganze Gesicht gestrahlt – wie sehr er sich seiner Sache sicher war. Vor ein paar Jahrzehnten hätte sie ihm noch ihr Tuch als Pfand gegeben, doch war dieser Brauch aus der Mode gekommen, was sie wiederum sehr schade fand.

Wo sich die Mode änderte, blieb der Mensch jedoch derselbe. Er war um sie herum gesprungen wie ein junger Hund. Hätte sie es verlangt, hätte er ihr auch aus der Hand gefressen. Doch sie war ein anständiges Mädchen. Hatte sich mit Charme seiner Küsse erwehrt und galant aus seinen Umarmungen entwunden. So waren sie eben, die jungen Männer, wenn sie sich ihrem Ziel – dem Schoß einer schönen Frau – so nahe sahen. Und sie hatte ihn das glauben lassen.

Die Wahrheit würde sich ihnen beiden Morgen Abend offenbaren – wenn er denn wieder käme. Heute hatte er darauf verzichten müssen sie heimzuführen. Jetzt würde er einen ganzen Tag auf sie warten müssen und erst mit Ablauf dieser Frist, würde er seine wahre Stärke bewiesen haben.
Würde er vor Lust überschäumen? Oder stünde er ihr mit stolz geschwellter Brust, aufgeblasen wie ein Gockel, gegenüber? Oder käme er vor Unsicherheit zitternd, schweißgebadet und mit den müden Augen einer durchwachten Nacht? Die wahre Stärke eines Kriegers lag schon immer im Verzicht.

Sie blickte an sich hinab über Shirt und Jeans und stellte fest, dass dieser Test auch an ihr nicht spurlos vorüber ging. Die Männer waren immer dieselben, aber sie gingen auch mit der Zeit. Vielleicht hatte er sie schon längst ersetzt oder plante ein „Date“ mit einem Kerl. Oder er kam Morgen mit seinem besten Freund um sie auszulachen. Man konnte seiner Sache nicht mehr sicher sein.

Sie blickte an sich hinab über Shirt und Jeans und betrachtete den Vorgang ihrer Verwandlung. Rinde und Moos breitete sich über ihrem Körper aus und sie atmete erleichtert auf. „Soll er doch kommen mit seiner überschäumenden Lust, um sich zu nehmen worauf er brennt!“, dachte sie, „Oder von mir aus mit seinem besten Freund um mich auszulachen!“ Sie würde ihm zeigen, unter wessen Baum er seinen sehnsüchtigsten Wunsch geäußert hatte. Und dann kletterte sie in die Krone um zu warten.

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Die Nerven nicht wegzuschmeißen während man vielleicht auf eine wichtige Antwort oder eine Nachricht wartet, ist für manchen Menschen eine hohe Kunst.

Dieser Tage sind wir aufgefordert geduldig zu sein und Entscheidungen abzuwarten. Konkret sind das Entscheidungsprozesse von Mitmenschen, die wir vielleicht beeinflussen aber nicht beschleunigen können, wie z.B. einen potentiellen Auftraggeber, oder eine heikle Beziehungsangelegenheit. Es besteht die Gefahr, bei einer auf Ungeduld fußenden Intervention, die ganze Angelegenheit ins Negative zu kehren. Lass dieser Entscheidungsfindung ihre Zeit!

Sollten die Nerven jetzt schon blank liegen, gibt es hilfsbereite Menschen, die dich unterstützen können, diese Last zu tragen. Wenn nicht, konzentriere Dich auf andere Dinge! Schönere Dinge, als sich selbst für eine unsichere Sache zu verbiegen. Ändert man den Fokus, oder auch den Betrachtungswinkel, tauchen am Horizont die Sterne der Inspiration auf und verkürzen die Wartezeit auf phantastische Weise. Und wer weiß welche Optionen Du entdeckst, wenn Du Dein Blickfeld vom Stecknadelkopf zum nächtlichen Sternenzelt erweiterst.

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By JamesVermont
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Über den Autor

JamesVermont aus Klagenfurt am Wörthersee ist Gestalter, Autor, Trommler und Vater 2er Kinder.

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